Mediterana, Rede zur Stadtratssitzung am 26.4.2005
Es ist kein Geheimnis: Wir Grüne haben das Projekt Mediterana von Anfang an mit großer Sorge begleitet. Und
das, obwohl es eine optisch schöne Anlage werden soll, in der sich viele verwöhnen lassen wollen.
Trotzdem lehnen wir Grüne das Mediterana ab. Warum? Weil wir Spaßverderber und Verhinderer sind, wie auch aus dieser
Runde immer wieder verlautet?
Meine Damen und Herren, unsere Bedenken so abzutun, wäre zu billig.
Sie alle wissen, dass wir in den letzten drei Jahren bei jeder Entscheidung konstruktiv mitgewirkt haben und alle für
unsere Stadt wichtigen Projekte, wie etwa den Feuerwehrneubau und die S-Bahnverlängerung mittragen.
Es wäre auch unehrlich, uns als Spaßverderber und Verhinderer zu bezeichnen. Denn viele, die hier am Tisch sitzen
wissen, dass unsere Bedenken oft berechtigt sind, auch wenn wir unsere „Erfolge“ im Interesse der Sache nicht immer an die große Glocke hängen. Beides, die konstruktive Mitarbeit und die
berechtigte Kritik in manchen Verfahrens-schritten gilt, wie Sie wissen, vor allem auch für das Projekt Mediterana.
Ich muss zugeben: Es sind viele Dinge, die uns Grünen Sorgen machen.
Unserer größte Sorge gilt der Gefahr der Zersiedelung unserer Landschaft:
Denn durch das Mediterana wird das Stadtgebiet in den Außenbereich ausgedehnt. Der Stadtrand wird sich weiter auflösen,
andere Projektvorhaben werden folgen, weil sich der Investor des Mediterana und jeder neue Bauwerber für Sondernutzungen und ähnliche Projekte auf das genehmigte Projekt berufen wird. Das nächste
Projekt steht ja bereits am Horizont: ein Hotel in unbekannter Größe und Ausführung, das neben dem Mediterana entstehen soll. Danach noch Argumente für eine Ablehnung von weiteren Bauvorhaben zu
finden wird schwierig sein.
Dass die Gefahr weiterer Begehrlichkeiten droht, zeigt mir ein Blick auf die Haupteigentümerin der umliegenden
Grundstücke und die Erfahrungen, die mir langjährige Stadträte mit ihr schildern. Auch der Waldbesitzer oberhalb wird aus finanziellen Gründen kaum „nein“ zu einem attraktiven Kaufangebot
sagen können: Es ist die evangelische Kirche.
Ich erlaube mir, hier die Antwort aus Ihrer Runde vorweg zu nehmen, die mir schon in den Ohren klingt: „Frau Kollegin
Siepmann, Ihnen ist wohl entgangen, dass wir nur die Flächen umwidmen werden, die Herr Ruhbaum jetzt von Frau Schönhuber erworben hat und damit Schluss.“
Dazu könnte ich entgegnen: „Die Botschaft hör ich wohl, jedoch mir fehlt der Glaube.“ Und das nicht, weil ich
tatsächlich eine Gegnerin von wirtschaftlichem Fortschritt bin, sondern weil ich mehr als einmal in den letzten drei Jahren Stimmen im Stadtrat vernommen habe, welch tolle Entwicklungschancen sich
entlang der Gleise einer S-Bahn böten. Da kommt es sicher nicht jedem ungelegen, wenn das Mediterana schon einmal den Anfang macht.
Die Verkehrssituation bereitet uns ebenfalls Kopfzerbrechen:
Geplant sind 1500 Besucher pro Tag. Die bestehende Abfahrt von der B11 kann dies nicht bewältigen. Die bestehende
Auffahrt müsste fast wie eine Autobahnauffahrt ausgebaut werden, um auch Bussen die Anfahrt zu ermöglichen. Die Aussagen über den größten Ansturm der Besucher sind zudem widersprüchlich. Vergleicht
man aber die genannten Zahlen und Zeiten, ergibt sich zwangsläufig, dass der meiste Verkehr in die Stoßzeiten am frühen Abend fallen wird.
Große Sorgen macht uns auch die weitgehend ungeklärte Wasserver- und -entsorgung:
Das Geretsrieder Trinkwassernetz kann den immensen Wasserbedarf des Projektes nicht decken. Wir kaufen auch jetzt für
teures Geld Münchner Trinkwasser hinzu. Eigentlich sollte durch den Bau des neuen Hochbehälters aber so viel Wasser aus eigener Versorgung vorgehalten werden können, dass wir uns bei der nächsten
Vertragsverhandlung mit München nicht mehr in bisherigem Umfang abhängig machen müssen. Dieses Ziel sehe ich dadurch gefährdet, dass Herr Ruhbaum bisher keine erfolgreiche Bohrung zur eigenen
Wasserversorgung vorweisen kann und nicht geklärt ist, ob ein eigener Brunnen vom Wasserwirtschaftsamt genehmigt würde. Müssen unsere Stadtwerke aber tatsächlich die Wasserversorgung sicherstellen,
sind wir wieder in großem Umfang auf das teure Münchner Wasser angewiesen und damit ist unsere Verhandlungsposition gegenüber den Stadtwerken München bei dem neuen Vertragsabschluss geschwächt. Das
teure Münchner Wasser wird sich dann auch weiterhin stark auf unsere Gebühren auswirken. Zur Abwasserentsorgung gibt es ebenfalls noch keine genauen Angaben.
Ein ökologischer Aspekt ist die Bodenversiegelung und der Flächenverbrauch:
Der Verbrauch an Fläche ist im Außenbereich zu groß. Daran ändert auch nichts, dass – wie der Investor nicht
müde wird zu betonen –mit den bestehenden Planungen „nur“ 1/5 der Fläche überbaut werden soll. Denn erstens ist dabei das bereits angekündigte Hotel samt Zufahrten und Außenanlagen
noch nicht dabei. Zweitens mag ein mediterraner Park mit gepflegtem Golfrasen für manche ein schöner Anblick sein, verbraucht aber dennoch wertvollen Lebensraum für heimische Arten.
Drittens ist Boden ist ein begrenztes Gut, das nicht vermehrbar ist. Das gilt vor allem dann, wenn es sich um
einigermaßen intakte Böden handelt. Dieses Kriterium wird der Boden nach den Baumaßnahmen nicht mehr erfüllen. Denn für die Gebäude, die Tiefgarage und den See müssen nicht nur Bäume weichen,
sondern das Halbrund des Hanges mit schweren Baufahrzeugen weitgehend abgetragen werden.
Bei diesen Sorgen fällt die drohende Zerstörung der schönen Lindenalleeleider kaum mehr ins Gewicht. Mindestens
eine Seite müsste auf jeden Fall der Verbreiterung der Zufahrt weichen, wenn diese verkehrssicher nutzbar sein soll. Zusammen mit der hier geplanten S-Bahn-Trasse werden vielleicht einzelne Bäume, aber
keine Allee mehr übrig bleiben. Wir bezweifeln allerdings sowieso, dass die Abwicklung des ganzen Zu – und Abfahrtsverkehr über die Lindenalle möglich ist.
Besonders bedenklich empfinden wir den Verlust eines weiteren stadtnahen Erholungsgebietes:
Noch ist das Gebiet bei Buchberg kein künstlicher Park, sondern nur ein Beispiel für eine abwechslungsreiche
Kulturlandschaft im Alpenvorland. Dennoch wird es von zahlreichen Langläufern, Fahrradfahrern, Hundebesitzern und Spaziergängern als gut zu ereichendes Erholungsgebiet geschätzt. Kommt das Mediterana,
geht nicht nur diese Fläche als Erholungsgebiet verloren. Der Verkehr und die Zu- und Abfahrten, die evtl. auch den Fahrweg ab Geretsried Gartenberg werden umfassen müssen, verursachen auch über
die reine Projektfläche hinaus einen Verlust an Erholungsfläche und Naherholungsqualität.
Sie kennen alle unseren Slogan: Geretsried – Stadt im Grünen.
Wenn wir diesem Anspruch auch künftig gerecht werden wollen, muss dieser Landschaftsteil erhalten bleiben. Denn Sie
erinnern sich: durch die S-Bahnverlängerung ist bereits ein anderes Geretsrieder Naherholungsgebiet bedroht: Der Bannwald und die Buckelwiesen der Königsdorfer Alm zwischen Geretsried- Mitte und Stein.
Wir Grüne haben zwar bei den Verhandlungen zur S-Bahnverlängerung darauf gedrungen, dass ein Alternativstandort für den Endbahnhof gefunden werden müsse, aber das Ergebnis ist offen.
Und der Stadtwald? Viele in diesem Gremium wünschen sich, dass die Tattenkofer Straße an den Waldrand verlegt wird. Dem
wird ein ganzes Stück Stadtwald zum Opfer fallen.
Und die Böhmwiese? Sie wird S-Bahnhof und verliert weiter Fläche durch Parkflächen und S-Bahngleise. Wird die B 11 doch
einmal verlagert - auch das eine Diskussion, die gerade wieder aufflammt - ist die dadurch gewonnene Fläche keineswegs für Naherholung, sondern für Stadtentwicklung im Gespräch.
Wir haben aber doch immer noch unsere Isarauen! Sie werden, wenn über Begehrlichkeiten an Grünflächen diskutiert wird,
gerne als unerschöpfliches Reservoir für stadtnahe Erholung dargestellt. Die Realität sieht anders aus: Die Isarauen sind in erster Linie nicht Naherholungs- sondern Naturschutzgebiet, auch wenn ihre Nennung in zahlreichen Geretsrieder Werbeprospekten anderes vermuten lässt. Sie sind schon jetzt im Sommer überlaufen und können einen weiteren Ansturm nicht ohne Schaden und einen deutlichen Attraktivitätsverlust auffangen.
Außerdem wird sehr gerne übersehen, dass sie auf Grund der Beschaffenheit des Geländes und der Wege für gehbehinderte
Menschen und Kinderwägen kaum zu nutzen sind.
Der Verlust der Erholungsfläche um Buchberg wird viele treffen, die sich den Luxus des Mediterana nicht oder nicht
regelmäßig leisten können. Denn in Geretsried sollen die Eintrittspreise nicht, wie in Bergisch-Gladbach, subventioniert werden. Und obwohl auch wir Grünen uns mit Blick auf die Steuerentwicklung
wünschen, dass sich mehr einkommensstarke Familien in unserer Stadt niederlassen, können und wollen wir die Augen nicht davor verschließen, dass die Bevölkerungsstruktur jetzt eine andere ist. Sie
werden mir außerdem zustimmen müssen, dass das Mediterana von der Preisgestaltung und von seiner Zielsetzung her ganz und gar kein Angebot für Familien mit kleinen und heranwachsenden Kindern ist und
zwar egal, ob sie einkommensstark oder –schwach sind!
Wir sind außerdem davon überzeugt, dass das städtische Hallenbad, Badegäste verlieren wird. Denn: anderes Konzept hin
oder her: Mangels anderer Angebote geht heute so mancher ins Hallenbad und in die städt. Sauna, der sich nach Eröffnung des Mediterana dort mehr Ruhe und Abwechslung in der Saunalandschaft erhoffen
darf. Als Folge werden dezentrale, wohnungsnahe Einrichtungen verschwinden oder die Geretsrieder Bürgerinnen und Bürgern werden mehr dafür zahlen müssen.
Was aber ist mit den in Aussicht gestellten Arbeitsplätzen? Müssen diese nicht mit Blick auf unsere
Arbeitslosenzahlen alle anderen Bedenken zurück drängen?
Der Investor spricht von 150 neuen Arbeitsplätzen. Das sind die, die im Mediterana neu geschaffen werden. Um den
tatsächlichen Gewinn an Arbeitsplätzen festzustellen, müssen wir jedoch den gesamten Wirtschaftsraum Wolfratshausen/Geretsried betrachten:
Weil das Mediterana als Großanbieter von Fitness, Wellness und Schmerztherapie auftreten wird, wird es bestehende
Kleinanbieter verdrängen. Diese können sich keine Kampfpreise leisten. Außerdem richtet sich das Angebot genau an den Kundenkreis, der jetzt das Überleben kleinerer Anbieter in der Region
sichert: zahlungskräftige Kundinnen und Kunden, die am Besten auch privat versichert sind.
Und noch ein Wort zum Thema Arbeitsplätze in der Region: Mit den bisherigen und weiteren Planungen des Projekts hat der
Investor keine einzige Firma aus der Region beauftragt.
Unsere Bedenkenwären vielleicht nicht ganz so schwerwiegend, wenn sich der Investor während der Verhandlungen wenigstens
als verlässlicher, kooperativer und vor allem auch am Gemeinwohl interessierter Unternehmer präsentiert hätte. Aber angeforderte Unterlagen wurden entweder gar nicht, verspätet oder nicht in der
vereinbarten Form vorgelegt, Vertragsentwürfe gingen und gehen eindeutig zu Lasten der Stadt und wir werden bei all dem den Verdacht nicht los, dass uns Herr Ruhbaum als Verhandlungspartner nicht ganz
ernst nimmt.
Sie sehen, meine Damen und Herren: Wir lehnen das Projekt Mediterana keineswegs leichtfertig ab. Es geht uns dabei ebenso
um das Wohl unserer Stadt, wie das die Befürworter für sich in Anspruch nehmen.
Die Grünen werden dem Antrag auf Änderung des Flächennutzungsplanes und Einleitung eines Vorhaben bezogenen
Bebauungsplanes aus den genannten Gründen nicht zustimmen.
Wir sind aber zu sehr Realisten, als dass wir uns der Hoffnung hingäben, die Mehrheit von Ihnen überzeugen zu können.
Wir gehen aber davon aus, dass Sie uns in einem weiteren Punkt zustimmen können:
Es gibt keinerlei Notwendigkeit, bereits heute die Umwidmung für die Kauffläche des Mediterana selbst und
vorauseilend auch schon für die sogenannte Hotelfläche einzuleiten. Im Gegenteil: Wir geben damit ohne Not viel von unserer Planungshoheit aus der Hand, und zwar ohne zu wissen, wie sich das Mediterana tatsächlich auf unsere Region auswirken wird und ohne zu wissen, welche Vorstellungen uns der Investor in einigen Jahren für die Nutzung der Hotelfläche präsentieren wird. Nach den bisherigen Erfahrungen gehen wir davon aus, dass die Stadt mit ihrer uneingeschränkten Planungshoheit in die künftigen Verhandlungen zur Hotelfläche gehen können muss, um ihre Interessen zu wahren.
Wir schlagen deshalb nicht nur im Namen der Grünen, sondern als Ausschussgemeinschaft vor, den Beschlussvorschlag des
Bauamtes so umzuändern, dass vorerst nur die Kauffläche für das Mediterana selbst, nicht aber die sogenannte Hotelfläche, in das Änderungsverfahren aufgenommen wird.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Brigitta Siepmann
|